Eine leitende Datenarchitektin, die wir Anfang dieses Jahres vermittelt haben, erzählte uns etwas, das mir im Gedächtnis geblieben ist: In den technischen Vorstellungsgesprächen, die sie absolvierte, wurde der Versicherungsbereich, in den sie sich ein Jahrzehnt lang eingearbeitet hatte, kaum angesprochen. Jede Frage drehte sich um Modellarchitektur, Python-Frameworks und MLOps-Pipelines. Niemand fragte sie, wie sie mit den versicherungsmathematischen Sonderfällen umgehen würde, die die Arbeit mit Versicherungsdaten so schwierig machen.
Eine von Diginomica vorgestellte neue Studie benennt dieses Muster. In dem Artikel wird dargelegt, dass Personalverantwortliche bei der Auswahl von Bewerbern zunehmend auf KI-Kenntnisse achten, während Fachwissen als „nice-to-have“ betrachtet wird. Das Ergebnis ist eine Generation technisch versierter Mitarbeiter, denen jedoch das Kontextwissen fehlt, um diese Fähigkeiten dort einzusetzen, wo sie am dringendsten benötigt werden.
Unserer Erfahrung nach zeigt sich dies am deutlichsten in regulierten Branchen im gesamten DACH-Raum. Ein Pharmaunternehmen, das einen Machine-Learning-Ingenieur einstellt, benötigt jemanden, der sich sowohl mit GxP-Compliance als auch mit TensorFlow auskennt. Eine Bank, die Modelle zur Betrugserkennung entwickelt, braucht Mitarbeiter, die neben dem technischen Stack auch wissen, wie Zahlungsflüsse tatsächlich funktionieren. Nimmt man dieses Wissen weg, wird die KI zu einem hochentwickelten System, das das Offensichtliche übersieht.
Die unangenehme Wahrheit ist, dass es Jahre dauert, Fachwissen zu erwerben. KI-Kenntnisse lassen sich hingegen innerhalb weniger Monate vermitteln. Wenn Personalverantwortliche ihren Fokus darauf legen, was sich in einem zweistündigen Vorstellungsgespräch testen lässt, erhalten sie am Ende Teams, die zwar technisch beeindruckende Systeme entwickeln können, aber keinerlei Verständnis für die Probleme haben, die diese Systeme eigentlich lösen sollen.
Wir haben begonnen, unseren Kunden eine direkte Frage zu stellen: Wer in Ihrem Datenteam ist schon seit mehr als fünf Jahren in dieser Branche tätig? Das darauf folgende Zögern sagt uns oft mehr als die Antwort selbst.
Angeregt durch Berichte von Diginomica.